Stell dir vor, du sagst zu deinem Partner: „Ich brauche mehr Zeit für mich.“ Das klingt nach einem Bedürfnis, ist aber nicht. Es ist eine Strategie: Eine von vielen Möglichkeiten, ein bestimmtes Bedürfnis zu erfüllen. Das eigentliche Bedürfnis dahinter könnte das Bedürfnis nach Erholung sein, oder nach Ruhe. Der Unterschied klingt nach Haarspalterei, ist aber wichtig, wenn wir die Ursache eines Konflikts verstehen wollen.
Bedürfnisse sind universell, Strategien individuell
Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, hat den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Strategien ins Zentrum seiner Arbeit gestellt. Bedürfnisse sind universell – jeder Mensch kennt das Bedürfnis nach Erholung, nach Zugehörigkeit, nach Sicherheit. EIn fünfjähriges Mädchen in Angola wird es genauso verstehen wie ein schwedischer Rentner und ein australischer Touristenführer.
Strategien dagegen sind individuell. Sie sind ein Weg, uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Das Bedürfnis nach Erholung erfüllt sich Person A vielleicht mit einem Waldspaziergang, Person B mit einem Essen mit Freunden und Person C mit einer Motorradtour.
Umgekehert kann ein Waldspaziergang für den einen das Bedürfnis nach Erholung erfüllen, für einen anderen das Bedürfnis nach Bewegung und für den dritten nach Freiheit.
Wir streiten über Strategien, nicht über Bedürfnisse
Wenn du deinem Partner sagst: „Ich merke, dass ich gerade ein wenig Geborgenheit brauche. Würdest du mich in den Arm nehmen?“ ist das etwas anderes als wenn du sagst: „Ich brauche einfach, dass du mich mehr in den Arm nimmst.“ Das erste kann er verstehen, weil jeder Mensch das Bedürfnis nach Geborgenheit kennt; egal ob er sich dieses Bedürfnis nun mit in den Arm nehmen oder mit etwas anderem erfüllt. Und im Normalfall wird er es dir gerne erfüllen. Denn im Regelfall wollen die wenigsten Menschen ihren Lieben etwas Böses.
Die zweite Aufforderung bringt dein Gegenüber in die Pflicht: Er ist nun dafür verantwortlich, dich genügend oft in den Arm zu nehmen, um dein sogenanntes Bedürfnis zu erfüllten. Im guten Fall tut er das und in für dich ausreichenem Masse. Aber das Risiko ist gross, dass er sich kritisiert oder angegriffen fühlt, in Verteidigung gerät oder irgendwann frustriert aufgibt („Egal was ich mache, es genügt dir ja doch nicht“). Und das liegt daran, dass du deine Strategie kommuniziert hast und nicht das univesell verständliche Bedürfnis dahinter.
Wie man den Unterschied erkennt
Als Faustregel kannst du dir eine einfache Frage stellen: Ist das, was ich gerade sagen will, auf eine konkrete Handlung des anderen ausgerichtet? Wenn ja, ist es wahrscheinlich eine Strategie.
Das Bedürfnis liegt eine Ebene tiefer. Es beantwortet die Frage: Was brauche ich im Kern – unabhängig davon, was der andere tut oder lässt?
Warum das die Basis einer verbindenden Kommunikation ist
Wenn du nicht weisst, was du auf der tiefsten Ebene brauchst, kannst du es auch nicht mitteilen. Wer nur Strategien kommuniziert, wird oft nicht verstanden – oder bekommt, was er gefordert hat, aber mit Widerstand vom Gegenüber, weil dieser aus gutem Willen oder wegen des Haussegens handelt, aber nicht aus wirklicher Empathie und Verständnis heraus.
Deshalb führt der Weg zu Gesprächen, die wirklich etwas verändern, immer über das Bedürfnis, das hinter einer Bitte an den anderen steckt.


