„Du bist so empfindlich.“ Oder: „Das war doch nicht so gemeint.“ Oder: „Kannst du nicht mal locker nehmen?“ Wer Sätze wie diese kennt, weiss, wie es sich anfühlt: Man hat etwas angesprochen, das einen verletzt oder gestört hat. Man hat sich verletzlich gezeigt. Und statt gehört zu werden, wird einem erklärt, dass die eigene Reaktion das Problem ist.
Was tut man damit?
Was dieser Satz bewirkt
„Du bist so empfindlich“ ist in seiner Wirkung wie ein Gesprächsabbruch. Er verschiebt den Fokus vom Thema auf die Person, die es angesprochen hat. Es geht nicht mehr darum, was passiert ist, sondern darum, ob die Reaktion berechtigt ist.
Warum solche Sätze fallen
Ob bewusst oder unbewusst, die Person, die so etwas sagt, will nicht über dieses Thema sprechen. Veilleicht sieht sie sich angegriffen, kritisiert, und dann ist die einfachste Reaktion, den Spiess umzudrehen und das Gegenüber in Frage zu stellen, indem man es als zu sensibel oder zu empflichdlich betitelt.
Wer auf diesen Satz nicht vorbereitet ist, fängt oft an, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Fragt sich, ob man tatsächlich zu empfindlich ist. Denkt sich „Ach komm, so ein Drama war es ja nun wirklich nicht“. Entschuldigt sich vielleicht sogar dafür, dass man etwas angesprochen hat. Aber es fühlt sich falsch an, und irgendwo spürt man das, auch wenn man es sich schönredet.
„Empfindlich sein“ ist kein Fehler
Gefühle sind Informationen. Sie zeigen uns, was uns wichtig ist, wo unsere Grenzen liegen, wo gerade ein Bedürfnis erfüllt oder unerfüllt ist. Jemanden als „zu empfindlich“ zu bezeichnen, bedeutet im Kern: Deine Gefühle sind übertrieben. Sie zählen nicht so viel. Du machst Aufheben um nichts. Es liegt an dir – ich habe nichts falsch gemacht.
Es bedeutet auch, dass die Person, die es sagt, sich im Moment gerade nicht auf uns einlassen will oder kann. Und dann springt in den meisten von uns das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit, nach Harmonie an, und wir krebsen zurück und lassen das Thema ruhen, um die Verbindung zu retten.
Es ist schwierig, in so einem Moment bei der eigenen Wahrheit zu bleiben und darauf zu bestehen „Doch, ich will darüber sprechen. Für mich ist es wichtig“. Denn das birgt das Risiko, dass das Gegenüber ärgerlich wird, vielleicht noch mehr verletzende Worte sagt, oder dass der Konflikt komplett eskaliert und er oder sie vielleicht ganz geht.
Was man stattdessen tun kann
Der erste Schritt ist, nicht sofort auf den Vorwurf zu reagieren. Nicht zu verteidigen, nicht zu entschuldigen. Stattdessen bei dem zu bleiben, was man eigentlich sagen wollte. Am besten atmest du ein paar Mal ruhig durch, bevor du reagierst. Vielleicht kannst du als Anker an einen Moment denken, an dem du dich vollkommen selbstsicher gefühlt hast. So weisst du, dass du das schon einmal gekonnt hast. Weshalb also auch nicht jetzt.
Was erwiderst du auf herabwürdigende Sätze?
Wenn du wieder einmal ein „Sei doch nicht so engstirnig“ oder „Jetzt sei doch mal locker“ hörst, kannst du zum Beispiel so etwas erwidern:
„Ich höre, dass du das nicht so gemeint hast. Für mich war es trotzdem verletzend.“
Damit gehtst du nicht in den Gegenangriff und erklärst dem anderen auch nicht, was er falsch gemacht hat. Das ist im Augenblick verlockend, aber nicht hilfreich. Du teilst mit, wie du es erlebt hast, und bleibst dabei, ohne dich zu rechtfertigen oder das Gesagte zurückzunehmen.
Pausen helfen, um die Nerven zu beruhigen
Wenn beide gereizt und gerade nicht fähig oder willens sind, sich aufeinander einzulassen, ist es manchmal am besten, die Situation ein paar Stunden ruhen zu lassen. Geht für eine Weile jeweils eurer Arbeit nach, geht nach draussen an die frische Luft, kümmert dich um die Kinder. Wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben, geht das Gespräch meist viel besser vonstatten als wenn beide aufgewühlt oder in Verteidigungshaltung sind.
Warum das schwierig sein kann
„Für mich war es verletzend. Ich möchte, dass du zuhörst, wenn ich dir etwas sage“. Dieser Satz setzt voraus, dass man sich sicher genug fühlt, bei der eigenen Wahrnehmung zu bleiben – auch wenn der andere sie nicht teilt. So etwas zu sagen macht verletzlicher als ein erneuter Gegenangriff. Das ist die eigentliche Schwierigkeit: die innere Stabilität, die man braucht, um bei sich und dem eigenen Erleben und den eigenen Bedürfnissen zu bleiben. Sich selbst genügend ernst zu nehmen. Denn wie sollte dein Gegenüber deine Gefühle ernst nehmen, wenn du sie selber kleinredest?
Diese innere Stabilität ist etwas, das man durch das Verständnis der eigenen Prägungen und Muster entwickeln kann. Und dadurch, dass man immer und immer wieder übt, auch in einer angespannten Situation bei sich zu bleiben. Zu sprechen, auch wenn man Angst vor den Folgen hat. Mit der Zeit wird es leichter, weil dein Nervensystem das als bekannt einstuft und nicht mehr als Gefahr für dich.


