Es gibt etwas, das du schon lange sagen wolltest. Vielleicht deinem Partner, deiner Chefin oder deiner Mutter. Du hast es dir immer und immer wieder überlegt und dir die Sätze im Kopf zurechtgelegt. Du weisst, dass es wichtig ist und dass es dich so sehr erleichtern würde, wenn es endlich raus wäre. Aber jedes Mal, wenn du anfangen willst, passiert etwas, das dich davon abhält, das Thema endlich anzusprechen.
Heute sieht er gestresst aus. Heute ist nicht der richtige Moment. Morgen, wenn ich besser geschlafen habe. Nächste Woche, wenn sich die Situation beruhigt hat. Nicht jetzt, so kurz vor dem Urlaub. Wenn das Projekt abgeschlossen ist. Wenn die Kinder schlafen.
Und der richtige Moment kommt und kommt nicht. Oder er wäre da – und du nutzt ihn nicht. Und gehst hinterher aus dem Treffen oder dem Gespräch und spürst einen Klumpen in der Brust, weil du immer noch mit dir herumschleppst, was dich schon so lange bedrückt.
Was wir „den richtigen Moment“ nennen
Das Warten auf den richtigen Moment fühlt sich manchmal sogar ganz vernünftig an. Das jedenfalls will dir dein Verstand glauben machen. Es klingt nach Rücksichtnahme, nach Taktgefühl, vielleicht denkst du auch, dass dein Anliegen ja gar nicht so wichtig ist und du gut bis zur nächsten Gelegenheit warten kannst. Aber insgeheim liefert dir dein Verstand damit nur die Ausrede, weshalb es gut für dich war, lieber noch zu warten. Auf diesen Moment in der Zukunft, von dem du dir erhoffst, dass du dich dann auf ganz natürliche Weise selbstsicher und entspannt fühlen wirst und es auf einmal ganz leicht über die Bühne gehen wird.
Dein Nervensystem will Sicherheit
Aber wenn du ehrlich zu dir bist, schiebst du damit nur das Unvermeidliche hinaus: nämlich dass du das Thema, das dich belastet, irgend einmal ansprechen musst. Oder du entscheidest dich, weiter mit diesem Klumpen in der Brust heraumzulaufen und nach jedem Gespräch diese schale Gewisseheit zu spüren, dass du gegen dich selbst gehandelt hast.
Das ist nicht feige. Du kannst nicht wissen, wie dein Gegenüber reagieren wird auf das, was du ihm sagen möchtest. Und trotz dieser Unsicherheit zu handeln ist manchmal schwerer als sich mit dem Unbehagen über das Nicht-Gesagte zu arrangieren. Denn dieses ist vertrautes Terrain und verspricht deinem Nervensystem deshalb Sicherheit.
Was das Warten kostet
Das Problem ist, dass das Unausgesprochene in den seltensen Fällen einfach von selber verschwindet. Im Gegenteil: Mit der Zeit wird es schwerer, das Thema anzusprechen, weil es sich aufgeladen hat. Weil sich Enttäuschungen angesammelt haben. Weil aus einem Gespräch, das früher einfach gewesen wäre, inzwischen ein grosses Thema geworden ist.
Wenn du deiner Arbeitskollegin nach der ersten Arbeitswoche gesagt hättest, dass dich ihr Parfum stört, wäre es vielleicht unangenehm gewesen und hätte ein wenig Überwindung gekostet, weil du sie ja nicht verletzen willst. Und fertig. Aber das Thema nach vier Jahren im selben Büro anzusprechen, ist viel schwieriger. Und vielleicht wird sich die Kollegin anfangen zu zweifeln, was du wohl sonst noch über sie denkst, wenn du ihr das über Jahre hinweg nicht zu sagen wagtest. Das Vertrauensverhältnis leidet unter Umständen viel mehr als wenn du sie einfach von Anfang an gebeten hättest, auf das Parfum zu verzichten.
„Und deine Plätzchen habe ich sowieso noch nie gemocht“
Der Worst Case ist, dass dich irgendwann etwas ärgert und dann das, was du schon so lange sagen wolltest, aus dir herausbricht. „Und sowieso, du bist ja ohnehin so rücksichtlos mit deiner Parfumwolke, ich muss mir die Nase zuhalten, wenn ich morgens die Bürotür aufmache“, etc. Das sind dann meist die Momente, die du hinterher am liebsten durch irgend einen Zauber ungeschehen machen würdest, weil du vor Peinlichkeit am liebsten im Boden versinken würdest. Und du siehst oder befürchtest, dass du dein Gegenüber wirklich verletzt hast.
Die (meist vergebliche) Hoffnung hinter dem Warten
Wer auf den richtigen Moment wartet, wartet eigentlich auf etwas anderes: auf die Sicherheit, dass das Gespräch gut ausgeht. Dass der andere Verständnis haben wird. Dass er nicht wütend wird. Dass die Beziehung danach noch dieselbe ist.
Aber diese Sicherheit gibt es nicht. Niemand kann sie dir von aussen geben. Der einzige Weg ist, dein Anliegen auszusprechen, durch die Erfahrung zu gehen und sie zu integrieren – sowohl wenn sie positiv ausgegangen ist, also auch wenn sie nicht so ausgegangen ist, wie du es dir erhofft hast. Der einzige Weg, die Angst vor etwas zu verlieren ist, es zu tun.


