„Ich hätte besser geschwiegen“

Kennst du diesen Satz? Du hast ein Gespräch geführt – mit deinem Partner, deiner Mutter, einer Kollegin – und gehst danach nicht erleichtert raus, sondern mit dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Nicht unbedingt weil der andere unfreundlich war, sondern weil du selbst mit dem, was du gesagt hast, nicht im Reinen bist.

„Ich hätte besser geschwiegen.“ Das ist ein Satz, den viele von uns regelmässig denken. Und trotzdem verhalten wir uns immer und immer wieder auf dieselbe Weise. Entweder sagen wir wieder zu viel und bereuen Teile davon hinterher, oder wir schweigen, obwohl wir innerlich fast platzen, weil uns etwas auf dem Herzen läge, aber wir es nicht auszusprechen wagen.

Weshalb du immer wieder Dinge sagst, die du hinterher bereust

„Ich hätte besser geschwiegen“ klingt nach Selbstkritik. Aber in Wirklichkeit ist er ein Hinweis. Er sagt dir: Das, was du gesagt hast, hat nicht das ausgedrückt, was du eigentlich wolltest. Oder: Du hast etwas gesagt, das du so nicht gemeint hast. Oder: Du hast gesprochen, ohne vorher zu wissen, was du eigentlich brauchst.

Das ist kein Kommunikationsproblem, sondern eine Frage der inneren Klarheit.

Bevor wir mitteilen können, was wir meinen, müssen wir wissen, worum es uns geht. Das klingt ganz einfach- ist aber oft gar nicht so selbstverständlich, wie es klingt. Denn in einem Gespräch, das emotional wird, passiert Folgendes: Dein Nervensystem übernimmt. Es analysiert, bewertet, überlegt, wie das Gesagte ankommen könnte. Und in diesem Moment verlierst duden Kontakt zu dem, was du wirklich fühlst und brauchst. Was dann herauskommt, ist meist entweder eine abgeschwächte Version der Wahrheit (wenn du einen Konflikt eher vermeidest) oder eine überspitzte (wenn du eher die Tendenz hast, bei Unsicherheit in den Angriff zu gehen).

„Ich hätte besser geschwiegen“ und „Ich hätte es sagen sollen“ sind zwei Seiten derselben Medaille

Wer öfter zu viel gesagt und es hinterher bereut und sich Vorwürfe gemacht hat, neigt beim nächsten Mal dazu, gar nichts zu sagen. Das ist eine Strategie, die kurzfristig Konflikte vermeidet, langfristig aber dazu führt, dass du dich kleiner und kleiner fühlst, denn deine Bedürfnisse bleiben dabei unausgesprochen. Vielleicht hoffst du, dass dein Gegenüber deine Wünsche errät, doch das geschieht in den meisten Fällen nicht. Was dich dann vielleicht wiederum ärgert. So entsteht noch mehr Distanz, obwohl du dir doch Nähe und Verbindung wünschst.

„Ich hätte besser geschwiegen“ und „Ich hätte es sagen sollen“ sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide entstehen, wenn du sagst, was du so nicht hättest sagen wollen, oder schweigst, wenn du dir wünschtest, endlich den Mut zum Sprechen zu haben.

Kommunikationstechniken sind nur eine Krücke

Der Ausweg liegt nicht darin, besser zu formulieren. Kommunikationstechniken können immer nur dann eine Hilfe sein, wenn die Haltung dahinter verstanden wurde. Vor einen abwertenden Satz ein „Das fühle ich halt so“ zu pflastern, macht ihn nicht zu einer guten Kommunikation. „Ich fühle mich traurig, weil du so egoistisch bist“ ist nicht gewaltfrei, sondern wertend und führt dazu, dass sich dein Gegenüber kritisiert sieht, verschliesst und voraussichtlich nicht das Verständnis aufbringt, das du dir wünschst.

Wie du vermeidest, Dinge zu sagen, die du hinterher bereust

Eine schnelle Erste-Hilfe-Lösung, die du sofort anwenden kannst, liegt darin, vor dem Sprechen innezuhalten, auf vier zu zählen und dich zu fragen: Was ist es, was ich wirklich ausdrücken will? Worum geht es mir im Kern? Nicht: „Was wäre jetzt taktvoll“ oder „Was bringt mein Gegenüber am wenigsten auf die Palme?“ Die vier Sekunden innehalten hindern dich daran, aus dem ersten Impuls heraus zu reagieren, und es ist genau dort, wo meist das herauskommt, was man hinterher bereut. Oder die vier Sekunden verschaffen dir die Zeit, ein paar Mal tief durchzuatmen, um den Mut zu finden, etwas auszupsrechen, was du schon lange sagen wolltest.

Die Wurzel des inneren Konflikts erkennen

Die echte und dauerhaft wirksame Lösung liegt darin, der Ursache auf den Grund zu gehen, weshalb du dich in bestimmten Situationen zurückhältst, oder weshalb du manchmal wie aus einem Zwang heraus Dinge sagst, die du hinterher bereust. Diese Arbeit erfordert, dass du in dein Inneres gehst und deine Muster und Verhaltensweisen zu erkennen beginnst. Das kann manchmal ein aufwühlender Prozess sein, denn die meisten unserer Muster und Trigger stammen aus der Kindheit und sitzen tief. Das gilt übrigens auch, wenn du eine schöne Kindheit hattest. Es kann trotzdem sein, dass irgendwo tief in dir ein Gefühl der Wertlosigkeit oder des Nicht-Genügens oder ein Mangel an Liebe und Zugehörigkeit steckt.

Aber genau dieses Hinschauen und Erkennen ist der Punkt, an dem echte Veränderung beginnt. Nicht bei besseren Kommunikationstechniken, sondern beim Verstehen, woher deine Verhaltensmuster kommen – und dass du dich heute neu entscheiden kannst.